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Philosophie und Verdauung |
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Ein Hunderecht auf gesunde Verdauung?
Nehmen wir einmal an, Sie hätten mit dem Hund Ihrer Nachbarin im Schnee
getollt. Woraufhin dieser, nennen wir ihn Cäsar, Schnee geschluckt hat.
Nehmen wir an, der Schnee war eiskalt und auch nicht ganz keimfrei. Sie
beginnen zu ahnen, worauf das hinausläuft? Genau: Jedes Jahr ist es
dasselbe, der Schnee fällt und Cäsar bekommt eine Gastritis.
Etwas ratlos stehen Sie da, denn zu schimpfen nützt ja nichts mehr. Da
fesselt etwas Ihren Blick. Einige Schritte weit vom Fußweg steht ein
Schneemann in einem Vorgarten. Eigentlich ist der Schneemann ist gar
kein Mann, sondern eine Frau mit Augen wie aus Kohle. Ja, Sie sehen es
jetzt es genau, bei den Schneefrauenaugen handelt es sich um
Kohletabletten. Sie treten durch die Gertenpforte und klopfen an die
Haustür. „Hilfe, Not am Hunde“ rufen Sie laut, „Ist die Augenkohle zur
Heilung von Gastritis bei Hunden geeignet?“ Die Tür öffnet ein Mann.
„Ja“ sagt er, „Natürlich, schließlich handelt es sich um Eucarvet, die
Tiermedizin aus dem Hause Trenka. “
Die wohltuende Wirkung von Eucarvet auf Hundemägen ist Ihnen
selbstverständlich bekannt. Ihre Nachbarin hat ja nicht umsonst die
einschlägigen Testergebnisse angefordert und mit Ihnen diskutiert! Der
Mann anscheinend auch, denn er glänzt mit Sachverstand: „Eucarvet! Ein
formidables Produkt! Hilft natürlich bei Gastritis! Auch bei Schweinen,
Hühnern und Kühen empfehle ich Eucarvet unbedingt! Eucarvet, das ist
genau das, was Ihr Pfiffi jetzt braucht.“ “Pfiffi, was für ein Pfiffi?“
fragen Sie sich. Sie kennen keinen Pfiffi. Aber Ihre kurzzeitig
aufsteigende Befremdung versinkt schnell im Meer Ihres innerlichen
Jubels über Ihr glückliches Geschick! Eucarvet wird die drohende
Gastritis schon abwenden. Das wäre doch gelacht. Auch Cäsar ahnt
Rettung und schlägt vor Freude Purzelbäume.
Aber der Jubel kam zu früh. „In diesem Jahr haben wir Eucarvet leider
nicht in ausreichender Menge bestellt,“ wird Ihnen erklärt. „Nur, zwei
Tabletten hebe ich immer auf, damit die Kinder ihrer Schneekönigin
anständige Augen und ein paar Knöpfe verpassen können.“ Verwundert
sehen Sie die Schneegestalt an. So stellen Kinder sich Königinnen vor?
Sie fühlen sich eher an Ihren Nachbarn erinnert, der sich inzwischen in
eine Nachbarin umwandeln ließ. Aber mit Überlegungen zu Geschlecht und
Gender halten Sie sich jetzt nicht weiter auf. Die Lage ist einfach zu
ernst. Es geht doch um die Gesundheit des geliebten Tieres!
„ Was soll den das bedeuten?“ fragen Sie etwas spitz. „Ist es
vielleicht meine Schuld, dass Sie keine ausreichende Menge bestellt
haben? Wird Cäsar nun vor der Gastritis bewahrt oder sollen die
Tabletten weiterhin diese Schneemissgestalt zieren?“
„Das ist allerdings eine berechtigte Frage. Bevor ich Ihnen eine
abschließende Antwort geben kann, muss ich einiges klarstellen“ erklärt
der Mann mit ruhiger Stimme. Ihre innere Unruhe wächst während man
Ihnen ausführlich begründet, warum eine Schneegöttin ohne Kohleaugen
und Kohleknöpfe eigentlich gar keine echte Schneegöttin sein könne. Die
traditionsgemäße Verwendung von Eierkohlebrocken sei aber nicht möglich
gewesen, denn selbst die Großmutter heize ihre Zimmer nun schon seit
Jahren mit Gas. Cäsar schaut traurig drein und rührt sich nicht.
Zu einer Debatte über die Vor- und Nachteile alternativer Energieträger
fehlt Ihnen jetzt ebenfalls die Zeit. Sie besiegen den Impuls, dem
Schneeungetüm seine rettenden Augen einfach aus den Höhlen zu kratzen.
Der Mann wirkt nämlich vergleichsweise kräftig. Da führt Gewalt nicht
unbedingt zum Ziel. Zum Glück erinnern Sie sich rechzeitig an Ihren
gesunden Menschenverstand. „Werter Herr, bedenken Sie die Folgen
unterlassener Hilfeleistung? Es ist doch ganz klar, Tiere sind fühlende
Wesen. Besonders bei Krankheit verdienen sie unser menschliches
Mitgefühl. Das sehen Sie doch ein? Rücken Sie gefälligst die Tabletten
heraus!“
Der Mann lächelt Sie an. „Menschliche Ethik war im Laufe Ihrer
Entwicklung vor allem eines: menschlich, allzu menschlich,“ bemerkt er
dann leise. „Das ist doch wohl eine etwas triviale Einsicht“, geben Sie
zu bedenken. Darauf der Mann: „Menschen können eben nicht aus ihrer
Haut. Ihr Tun und Streben findet seine Grenzen an den Beschränkungen
ihrer Verstandestätigkeit.“ So sei das nun einmal, fügt er noch an.
Statt zu provozieren, versuchen Sie es nun mit etwas Kant: „Wohl habe
ich gehört von der goldnen Regel. Auch das Grundgesetz der reinen
praktischen Vernunft kenne ich und bemühe mich stets, so zu handeln,
dass die Maxime meines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer
allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Naturwesen wie Cäsar stellen
mich jedoch vor ein spezielles moralisches Problem. Das ‚Recht’ der
Tiere zur Maxime zu erheben, liegt mir fern. Es wäre wohl auch nichts
weiter als eine abgeleitete Redensweise. Mitgefühl für Tiere ist zwar
mehr als eine Übung des Mitgefühls für einen Menschen, aber sollen wir
den Tieren deshalb Rechte eingestehen? Ich denke, das wäre falsch.
Cäsar hat bei mir ja keine Rechte eingefordert und ich bezweifle, dass
er überhaupt fähig dazu ist. Verstehen sie mich bitte richtig, ich
meine, er kann gar keine Rechte einfordern, aber verpflichtet bin ich
dem lieben Tier wohl dennoch: Es hat ein Bedürfnis nach unversehrtem
Leben. Doch wenn ich eine menschliche Pflicht gegenüber Cäsar verspüre,
warum dann nicht auch Sie?“
Der Mann sieht Sie überlegend an. Dann blickt er auf den Himmel, dann
auf Cäsar. Er streichelt ihm sein Fell. Nach einigen Minuten hält er
ein, sieht Sie lange und durchdringend an. Dann spricht er erneut: „Mit
scheinheiligen Argumenten möchte ich Sie nicht behelligen. Ihr Hund ist
eine ästhetische Erscheinung und so wie er Ihr Leben bereichert, so
bereichert er mich. Doch ist das ein ausreichender Grund, ihm die
Tabletten zu geben? Bewahren wir uns vor Missverständnissen. Zwar sind
wir Menschen, doch sollen wir deshalb unser Verhalten allein an
Menschen messen? Wir haben wohl allerlei Pflichten gegenüber Hühnern,
Maiskolben und Schneegöttinnen, doch wie wichtig sind uns diese
Pflichten? Wir sind uns wohl darüber einig, dass die Interessen der
Natur sich nicht einfach mit den Interessen der Menschen decken? Unser
Eigenwohl liegt uns näher, deshalb sperren wir Tiere in Käfige,
behandeln Pflanzen genetisch und verändern gar das Klima.“ „Nun“,
entgegnen Sie, „Da sind wir uns wohl einig. Aber ich fordere die
Tabletten ja auch nicht für Sie oder für mich, sondern für ein
unschuldiges Tier!“ „Sind die Grenzen zwischen Mensch und Umwelt mehr
als ein irriger Schein? Fragt daraufhin der Mann. Haben nicht auch die
Kinder und ihre Schneegöttin Anteil an jener Umwelt, in welcher auch
Cäsar sein Leben genießt? Und sind nicht auch wir beide Teil dieser
geteilten Lebenswelt? Sollen wir also - eingedenk der Forderung nach
vielfältigen und doch stabilen ökologischen Strukturen - die
ehrwürdigen Rechte der Menschen bestreiten?“ Sie denken darüber nach.
Es spricht manches dafür und einiges dagegen. Wie war das denn noch mit
den Arbeitern, welche die Eindämmung des Reaktorunfalls von Tschernobyl
mit ihrem Leben bezahlten? „Wenn ich es recht bedenke“, stoßen Sie
hervor, „so weiß ich es nicht zu sagen.“
„Lieber Freund, manch einer mag denken, die Steine hätten wenig oder
keinen eigenen Willen und brächten schon deshalb kaum ein
verständliches Wort heraus. Wir wollen das anerkennen, aber dabei
aufmerksam darauf achten, nicht unter einer Lawine rollender Steine
begraben zu werden.“ Sie spüren nun deutlich, wie der Sinn des
Gesprächs Ihnen zunehmend entgleitet. „Ja, wir wollen aufmerksam darauf
achten“, wiederholen Sie zögernd, „denn wenn wir unter rollende Steine
geraten, so kann das schlimm ausgehen.“
„Sie verstehen also, worauf ich hinaus will?“ fragt der Mann. „Nein,
nicht so ganz“, geben Sie etwas unschlüssig zu verstehen. „Sehen Sie,
unser eigener Wille kann uns doch als sehr schwach erscheinen, als so
schwach, dass wir ihn kaum mehr zu erkennen vermögen?“ „Gewiss!“ „Und
was uns andere Menschen erzählen - ist es nicht oft ganz
unverständlich, so unverständlich wie ihre Handlungen?“ „Gewiss!“ „Und
Rechte haben wir dennoch und Rechte haben auch die anderen Menschen.
Aber manchmal haben wir auch unrecht und wissen nur wenig von unseren
Rechten. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg; und wo der Weg und
der Wille fehlen, da wollen wir uns setzen und schweigen. Wenn die
Steine, die Hunde und die Schneefrauen keine Rechte einklagen können,
dann ist das kein Problem, solange gute Anwälte für sie sprechen.
Nehmen Sie sich trotzdem zwei von den Knöpfen, ich werde es den Kindern
schon erklären“ Dann schloss er die Tür. Cäsar jaulte leise.
Und die Moral von der Geschicht? Wenn Sie Eucarvet in ausreichender
Menge bestellen so sparen Sie sich vielleicht manch überflüssige
Diskussion. Denn noch ist ja nicht aller kalten Tage Abend! Manch lauer
Winter kündet vom Jahrhundertfrost des kommenden Jahres! Wer Eucarvet
hat, der kann die schönsten Kohleaugen verschenken und hat die beste
Medizin für die Tiere. Aber bitte vergessen Sie nicht: Schneeköniginnen
vergehen zwar mit dem Winter, doch Tiere können zu jeder Jahreszeit
erkranken!
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